unser Ursprung

Jetzt wird’s historisch: Woher kommt der Stern?

 

Das „Projekt Roter Stern“ steuert alsbald in sein 18. Jahr und wird allmählich reif für Chroniken und historische Abrisse. Auf den nächsten Zeilen möchten wir euch auf eine kleine Zeitreise durch die aufregenden Jahre seit den Gründungstagen des RSL mitnehmen.

 

„Hier wächst zusammen, was zusammen gehört!“

 

Im Conne Island versammelten sich am 1. Februar 1999 20 Jugendliche, um ganz offiziell einen Fußballverein namens Roter Stern Leipzig ´99 e.V. aus der Taufe zu heben. Das „´99“ sollte von Beginn an dem Ganzen einen historischen Anstrich verleihen. Angeödet von Nazis und anderen Rassist_innen fanden sich diese mehr oder weniger veranlagten Fußballvirtuosen in den ausgehenden 1990ern zusammen. Sie hatten schon ihre diversen Punk- und Oi-Erfahrungen auf Woodstock-Dissen im Werk II, „London“-Fahrten oder in „Offensive“-Sommercamps gemacht, auf Antifa-Demos Stellung bezogen und ihre erste gemeinsame Fußballsaison unter den Fittichen von Günter Prasse als „Fünfte“ von Blau-Weiß Leipzig absolviert. Über die Frage, was der Hauptgrund für die Vereinsgründung war, wird man wohl noch lange streiten. Wollten die anfänglich 40 Mitglieder einen bewussten Kontrapunkt zu den Entwicklungen im Fußball setzen, der heute wie damals von Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus und Homophobie durchsetzt ist. Oder sollte nur die Möglichkeit des sportlichen Aufstiegs eingerichtet werden, der bei Blau-Weiß Leipzig durch die anderen etablierten Teams, die den Aufstieg verbauten, nicht gegeben war. Unter dem Motto „Wir können alles“ stürzten sich die Aktiven in die chaotische Welt des Vereinswesen: Offizielle Gründungsveranstaltung, Vereinssatzung, Vorstand, Spielstätten, Sitzungen, Korrespondenz mit Ämtern und der ganze andere langweilige Kram waren  die Folge. Im September 1999 startete der Verein mit zwei Männer-Teams in die Saison: A star was born!

 

„Steil durch die Decke“

 

Das „Projekt“ Roter Stern traf den Nerv der linken Szene in Leipzig. Die Spiele der „Ersten“, die drei Jahre in Folge bis zur Stadtliga aufstieg, besuchten an die 250 Zuschauer_innen. Im Conne Island wurde ein Fanladen eingerichtet, das Fanzine „Prasses Erben“ (Nachfolger von „Die Fünfte“, „Melk die Fette Katze“, „Männermilch“, „Lipsia Info“ usw.) informierte das wissbegierige Umfeld seitenstark und frech. Mit großem Elan und Engagement schoben die „Aktiven der ersten Stunde“ Projekt um Projekt an. Die finanzielle Liquidität konnte durch „Soli-Konzerte“, die zahlreiche Bands in den verschiedensten Locations der Stadt durchführten, halbwegs gewährleistet werden. Das „Bündnis aktiver Fußball-Fans“ (BAFF) gastierte mit seinem Jahreskongress 2000 im Conne Island. Der erste Spielabbruch wurde durch die lokale Presse im Oktober 1999 notiert und auch partytechnisch setzten die Jugendlichen den Etablierten neue – von besseren sollte lieber nicht gesprochen werden – Standards entgegen. Auf diese Standards folgte alsbald eine Sexismus-Diskussion, welche die jungen Sterne mit ihren eigenen Standards konfrontierte und die Diskrepanz von Theorie und Praxis aufzeigte. Ganz praktisch wurden die Proteste gegen die zunehmende Videoüberwachung in den Stadien und im öffentlichen Raum, hier insbesondere die noch heute am Connewitzer Kreuz angebrachte Kamera, unterstützt. Dieses Engagement konnte nicht unkommentiert bleiben. Dem Sächsischen Verfassungsschutz schwante Böses, so dass er im Dezember 2000 den eigentlichen Vereinszweck auf seiner Internetseite präsentieren konnte: „In dem Verein wollen Autonome offenbar Jugendliche für antifaschistische Themen mobilisieren.“ Nun ja, so kann mensch es auch sehen. Die Mobilisierung erreichte neue Rekorde: 1.300 Menschen sahen die Pokalniederlage der Sterne (2002), weitere Fußball-Teams (Frauen, Jugend, Alte Herren) gingen in den Ligabetrieb, die „Mittwochs-Veranstaltungen“ im Conne Island wurde zum Publikumsmagnet und die zahlreichen Sterne verstopften den Brenner-Pass auf dem Weg zur jährlichen Antira-Fußball-WM in Italien.

 

Die Mühen der Ebene

 

Allmählich erreichte der Verein seine Grenzen. Kein eigener Platz, die Organisation des Spielbetriebs, der Anspruch bei kulturellen Veranstaltungen, das Einfordern politischer Ansprüche und die Unterstützung von antifaschistischen und linken Kampagnen wie die Kritik an der Olympiabewerbung von Leipzig bereiteten viel Freude, waren aber mit einem immensen Aufwand verbunden. Seit der Vereinsgründung wurde auf flache Hierarchien geachtet. Jeden Donnerstag fanden sich die Aktiven zum Plenum in der Braustraße später im neuen RSL-Fischladen ein und besprachen alle Themen, die den Verein betrafen. Dabei muss bis heute unter den Anwesenden ein Konsens erzielt werden. Lange und hitzige Debatten waren die Folge. Das hielten auf Dauer nur die Wenigsten durch. Das Verwalten des Vereins verlangte eine immer höhere Sachkompetenz und lastete zunehmend auf zu wenigen Schultern. Die Euphorie der Anfangszeit wich einem Gefühl des „Weiter so! Augen zu und durch!“. Auch nahm die szene-interne Kritik beispielsweise nach dem Umzug des RSL-Fanladens vom Conne Island in den heutigen Standort in der Wolfgang-Heinze-Straße und auf Grund von „kultureller“ und „sportlicher“ Beliebigkeit zu. Zwischen 2003 und 2009 stagnierte die Mitgliederzahl zwischen 200 und 250 und die Gründungsgeneration übergab den Staffelstab allmählich an neue Generationen.

 

Auf zu neuen Ufern

 

In der Saison 2007/08 legten die Kleinsten der Sterne (E- und F-Jugend) los. Die Jugendarbeit sollte fortan einer der entscheidenden Schwerpunkte des Vereins werden. Das Platzproblem wurde immer gravierender und durch medienwirksame Aktionen publiziert. Eine – letztlich nur angemeldet, aber nicht durchgeführte – Demonstration zur Leipziger Messe, in der die Gruppenauslosung für die Fußball-WM der Männer 2006 stattfand, ließ die Verantwortlichen in der Stadt aufhorchen. Während in Leipzig ein WM-Stadion gebaut werden konnte, mussten die Sterne auf verschiedenen Plätzen den Spielbetrieb notdürftig organisieren. Das hielt Trainer Knopf, der seit 2001 die Geschicke im Sportpark Dölitz lenkt, nicht davon ab, die „Erste“ zu neuen sportlichen Höhenflüge zu motivieren. Stadtpokalsiege 2008, 2009 und der Aufstieg in die Bezirksklasse bedeuteten neue sportliche Glanzpunkte in der Vereinshistorie. Auch das Frauenteam wusste 2009 im Pokalfinale zu glänzen. Projekte wie die anti-diskriminierende Aufklärungskampagne „Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball“ (IVF), das von kommunalen Fördergeldern unterstützt wurde, fanden eine überregionale Beachtung. Zahlreiche Preise wie der Sächsische Demokratiepreis 2009 und der Julius-Hirsch-Preis 2010 waren die Folge.

Der sportliche Aufstieg der „Ersten“ bescherte den Sternen erstmals Reisen ins Leipziger Umland. Am 24. Oktober 2009 erfolgte in Brandis eine Übergriff von rund 50 Nazis auf den RSL, der Schwerverletzte und ein jahrelanges juristisches Nachspiel zur Folge hatte, bei dem mehrere Angreifer zu Haftstrafen verurteilt wurden. Es zeigte sich, dass ein antifaschistischer Sportverein in einigen Landstrichen auch weiterhin mit massiven Gewalterfahrungen konfrontiert werden konnte.

Sportlich war das Ende der „Ersten“ in der Bezirksliga (7. Liga) erreicht, aus der man sich nach nur einem Jahr wieder in Richtung der neu gegründeten Stadtliga verabschieden musste. Trotz einer Bezirksliga-Saison 2011/12 mit Pleiten, Pech und Pannen strömten im Schnitt 430 Zuschauer_innen in den Sportpark Dölitz. Parallel konnten weitere Infrastrukturprojekte wie der Neubau eines Rasenplatzes auf der zweiten RSL-Spielstätte „Am Goethesteig“ realisiert werden. Die Platzsituation entkrampfte sich, was auch der Jugend des Sterns zu Gute kam. Mittlerweile ist einer der wenigen Abstiege in der RSL-Geschichte verdaut und die Erste hat sich in den Kanon der 7. Liga eingereiht und spielt dort ganz erfolgreich mit. Auch „Am Goethesteig“ sind die Jahre des Bau-Engagements fast abgeschlossen: Der RSL-Sozialtrakt und ein Kleinfeld-Kunstrasenplatz mit Beleuchtung stehen Anfang 2017 kurz vor der Vollendung.

 

Und jetzt?

 

Mittlerweile sind wir mit über 500 Fußballerinnen und Fußballern, davon die Hälfte im Jugendalter, der – gemessen an den Fußball-Aktiven (siehe Erhebung des Stadtsportbundes Leipzig) – größte Fußballverein der Stadt Leipzig. Umfangreiche Bauprojekte, wie der Neubau des RSL-Sozialtraktes, sollen dafür Sorge tragen, dass diese Aktiven auch in Zukunft mit dem Stern auf der Brust dem Ball nachjagen können. Die Sommerpause im RSL-Plenum ist längst Geschichte, die Finanzen solide und die Strukturen wie immer verbesserungs-, aber dennoch tragfähig. Unter den 1.100 Vereinsmitgliedern sind nicht nur Fußballer_innen organisiert, sondern auch Aktive in 15 weiteren Sektionen. Allgemein ist der Zulauf an jungen Sternen immens und motiviert die organisatorisch Aktiven zum Weitermachen.

 

Das Projekt „Roter Stern Leipzig ´99“ lebt. Vielleicht könnten wir politischer sein, mehr in den sportlichen Erfolg investieren, besser Partys organisieren oder den Zugang zu den Plenumsstrukturen erleichtern? Bestimmt sind dies alles Punkte, die wir versuchen, mit vollem Engagement und Herz zu gewährleisten. Ein hohes Maß an Ehrenamt bremst uns dennoch immer wieder ein wenig aus. Bei allen Fehlern und Unzulänglichkeiten sind wir nach knapp 20 Jahren immer noch da. Klar ist arbeiten, zu Ende studieren, Babys füttern nicht mehr der Punkrock der Anfangszeit, dennoch haben wir es geschafft, dass neue Aktive ein tolles Projekt vorfinden können, das unter den gegebenen gesellschaftlichen und szene-lokalen Voraussetzungen zum Mitmachen und Selbstverwirklichen einlädt.

 

Adam [Text entstand 2014 und wurde im Dezember 2016 leicht modifiziert;-)]