Offener Brief der Ersten Herrenmannschaft

Leipzig, 12. Mai 2016

Sehr geehrter Herr Müller, sehr geehrter Herr Enigk,

wir möchten Sie und Ihre KollegInnen des Sportressorts nur ungern von Ihrer außerordentlichen Begleitung überschäumender Bundesliga-Euphorie in der Stadt und Region ablenken, aber dennoch wenigstens kurz darauf aufmerksam machen, wie entgeistert und noch mehr enttäuscht uns Ihr am vergangenen Dienstag (10. Mai 2016) auf Seite 21 im Sportteil der LVZ veröffentlichter Artikel „Wettbewerbsverzerrung durch Chaoten“ zurückgelassen hat.

Zunächst: wir, die Landesklasse-Mannschaft von Roter Stern Leipzig, bedauern den Ausfall der angesprochenen Partie sehr. Sie dürfen davon ausgehen, dass für eher semibegabte, aber umso enthusiastischere Hobbykicker, wie wir es ehrlicherweise nun mal nur sind, ein Punktspiel mit unseren Fans im Rücken im ehrwürdigen Bruno-Plache-Stadion ein absolutes sportliches Highlight der Saison gewesen wäre, für das wir sogar auch unser wöchentliches Hegel vs. Marx-Kolloquium hätten sausen lassen. Genauso wie wir mit ziemlicher Sicherheit davon überzeugt sind, dass sich unser Kontrahent, die U23 des 1. FC Lok, nur allzu gern für die Hinspielniederlage sportlich revanchiert hätte.

In eben jener Partie Ende Oktober 2015 auf unserem Heimsportplatz in Dölitz hatten übrigens 650 Fußballfans für eine vollkommen gechillte Atmosphäre gesorgt und sind dabei sogar ohne auch nur irgendeinen abgefeuerten „Giftpfeil“ oder darüber hinaus polizeiliche Absicherung ausgekommen. Vielmehr noch präsentierten beide Teams vor Anpfiff unter dem großen Applaus des Publikums ein gemeinsames „No to Racism“-Transparent. Allein im Probstheidaer Nachwuchs kicken über 250 Mädchen und Jungs aus mehr als zehn Nationen. Zudem – der öffentlichen Hysterie nach kaum zu glauben – stehen genug RSL-SymphatisantInnen auch den Blau-Gelben nah.

Natürlich sind wir keineswegs so naiv, dass u.a. der antirassistische Grundkonsens des RSL und seiner AnhängerInnen gegenüber einem kleinen Teil des Lok-Anhangs kein Konfliktpotential bürgen würde. Doch von diesen „Fans“ distanziert sich vor allem auch der 1. FC Lok selbst ausdrücklich. Viele davon wurden bereits mit Hausverboten belegt (und hätten auch bei der abgesagten Partie überhaupt erst keinen Zugang erhalten).

Nun schreiben Sie jedoch, es hätte „zuvor angekündigte Randale zwischen den mit politischem Hintergrund verfeindeten Fangruppierungen“ gegeben. Unserer Meinung nach gebietet es Ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht, dem nachzugehen und diese Drohungen entweder quellengestützt zu belegen oder – wie in diesem Fall – einfach zu widerlegen, anstatt durch nicht hinterfragte Funktionärsstimmen ein solches Drohszenario aufflammen zu lassen. Vielleicht hätte sogar eine Erkundigung beim RSLVorstand oder FanvertreterInnen helfen können?

Stellvertretend für den gesamten Verein und unsere Fans möchten wir daher in aller Deutlichkeit die schwerwiegenden Vorwürfe in Ihrem Artikel zurückweisen: weder hat es zu irgendeinem Zeitpunkt und auf irgendwelche Art und Weise „Aufrufe zur Gewalt“ gegeben, noch sind die bei Ihnen zitierten „Giftpfeile“ in Richtung 1. FC Lok geflogen, genauso wie unser Verein oder unsere Fans keinerlei davon erhalten haben.

Außerdem finden wir es total daneben, uns und unseren Fans ein unangebrachtes Auftreten zu unterstellen und im Folgenden den Anschein zu erwecken, dass RSL-Auswärtsspiele für die gastgebenden Vereine eine beständige Entscheidung zwischen „Pest und Cholera“ seien. Wir würden wirklich sehr gern erfahren, etwa wann, wo und in welcher Form sich die RSL-GästeblockbesucherInnen eigentlich bei unseren Landesklasse-Gastspielen nicht wie zivilisierte Menschen verhalten haben bzw. für wen und warum genau wir für manche Heimvereine anscheinend eine so fürchterliche Drohkulisse darstellen? Und, ja – danke der Nachfrage, liebe Kollegen der LVZ – das einzig wirklich beschissene daran ist, wenn wir auswärts bei der fußballerisch häufig unbeholfenen Ausübung unseres Hobbys viel zu oft unter Polizeischutz stehen müssen.

Ist es wirklich so ein Problem, in dergestalt politisch „klar aufzutreten im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“, wie der ehemalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger schon vor fast zehn Jahren bekräftigte? Ist es wirklich so ein schwerwiegender Affront, teils auch im Rahmen von Fußballspielen offensiv zum Ausdruck zu bringen, wie bescheuert und noch viel mehr brandgefährlich gerade in Sachsen die gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände sind?

Dank Ihren Recherchen sind wir nun aber wenigstens darüber aufgeklärt, dass in Wirklichkeit so viele scheinbar überhaupt gar nicht erst gegen uns spielen möchten. Bislang hatten wir eigentlich stets den Eindruck, von den anderen Landesklasse-Teams und ihren Verantwortlichen freundlich begrüßt worden zu sein. Im Gegenzug haben wir auch in den allermeisten Fällen auf dem Rasen frohgemut Gastgeschenke verteilt und die Punkte gleich vor Ort gelassen, während unsere Fans sich sogar ganz ohne Schnorren und gegen Bezahlung reichlich an den bereitgestellten Grill- und Bierbeständen vergriffen haben. Ebenso bekommen wir sogar von gegnerischen Akteuren und Fans zu hören, dass es gänzlich gefahrlos oder sogar gar nicht mal so
uncool ist, im Sportpark Dölitz antreten zu müssen.

Gern laden wir Sie beide, aber natürlich auch den neuen SFV-Präsidenten Herrn Winkler, zu eines unserer Heim- oder Auswärtsspiele ein, um Sie vom Gegenteil ihres Artikels oder Gedanken uns gegenüber überzeugen zu können.

Mit herzlichen Grüßen,
die erste Herrenmannschaft des RSL